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"DAS MACHEN JETZT IMMER MEHR LEUTE"

April 4, 2018

 

LOSWERDEN, IGNORIEREN ODER VERMEIDEN? ÜBER PERSÖNLICHE STRATEGIEN ZUM UMGANG MIT MÜLL.

 

Das erste Mal, dass ich über Müll nachdachte, war 2005. Ich hatte mir bei einem großen schwedischen Einrichtungshaus eine Schrankwand und ein Schlafsofa ausgesucht. Jetzt war die Frage: Wie kommt das Zeug zu mir? Abholen wäre eine Option gewesen. Freunde, die ein größeres Auto fuhren, wollten mir helfen.

Ich entschied mich jedoch dafür, die Möbel – trotzdem das mehr kostete – liefern und aufbauen zu lassen. Warum? Klarer Fall: Auf den Verpackungsmüll hatte ich überhaupt keine Lust. Und den, so war der Deal, würde das Lieferteam einfach wieder mitnehmen. Sehr praktisch.

 

Es gab aber auch ein nahezu traumatisches Erlebnis, gar nicht so lange danach. Ich stand in einem doppelgeschossigen Supermarkt – und plötzlich blieb mein Blick an den Waschmittelflaschen hängen. Sie waren aus Plastik und es gab ein ganzes Regal voll davon. Es gab auch ganze Wände voller Shampoo, Duschgel, Bodylotion, Wasser- und Limonadenflaschen, Essig- und Ölflaschen, Margarinedosen und ich-weiß-nicht-was-noch-mehr. Es war eben ein ganz normaler Supermarkt. Plötzlich wurde mir bewusst, dass alle diese Dinge jeden Tag gekauft und in den Regalen nachgefüllt werden, und dass ihre natürliche Lebenszeit die meine und die aller meiner Zeitgenossen um ein Vielfaches überstieg. Ich sah kurz das Bild einer menschenleeren, plastiküberfüllten Welt vor mir. Mir wurde schlecht, und ich schob den Gedanken schnell wieder beiseite.

 

Das nächste Mal, dass ich mit größeren Mengen von Müll zu tun hatte, war 2008, als ich einen Schrebergarten übernahm. Damals ging es allerdings nicht um Verpackungsmüll, sondern um einige Kubikmeter an kitschiger Einrichtung der Vorgänger, die ich gerne loswerden wollte. Auf diese Weise lernte ich das Kölner Wertstoff-Center kennen, das ab diesem Zeitpunkt von mir regelmäßig frequentiert wurde. Alte Computer, Kindermöbel, Blumentöpfe, Fahrräder, das Becken eines stillgelegten Gartenteichs, ausrangierte Haushaltsgeräte – und immer wieder Verpackungen in all den gigantischen Größen, mit denen wir zuweilen bei Neuanschaffungen konfrontiert sind: Hier wird man sie los! Das Wertstoff-Center fand ich folgerichtig eine enorme Entdeckung und Bereicherung.

 

Meine Wahrnehmung änderte sich zwei Jahre später, als ich über die Jubiläumsfeier eines Sozialkaufhauses berichten sollte. Dort fand ich: alte Computer, Kindermöbel, Blumentöpfe, ausrangierte Haushaltsgeräte ... Es zeigte sich, dass der Müll des einen die Neuanschaffung des anderen sein kann. Das fand ich interessant. Denn wer regelmäßig zum Wertstoff-Center geht, bekommt eine sehr bildliche Vorstellung davon, welche Mengen an Müll in einer Großstadt täglich anfallen. Sie einfach nur zur Kippe zu fahren, das kann auf die Dauer keine Lösung sein! Ich schleppte also vieles künftig nicht mehr zum Wertstoff-Center, sondern ins Sozialkaufhaus, damit die Dinge dort ein neues Leben beginnen und eben erst einmal kein Müll werden könnten.

 

Der Umzug ins dritte Obergeschoss eines Altbaus brachte mich dann dazu, auch den Haushaltsmüll einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn es ist wirklich uncool, wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt, kochen will – und merkt, dass man erst einmal den Müll viele Stufen weit nach unten tragen muss, bevor man beim Kochen neuen Müll produzieren und entsorgen kann.

 

Inzwischen kaufe ich viele Dinge in einem verpackungsfreien Laden ein. Die Produkte sind mitunter teurer als im Supermarkt, weil der Umgang mit loser Ware mehr Arbeit macht. Andererseits spare ich mir seitdem viele unnötige Gelegenheitseinkäufe, die am Ende doch nur herumstehen – denn ich kann ja nur kaufen, wofür ich ein Schraubglas, eine Dose oder einen Beutel mitgenommen habe.

Käse kaufe ich auf dem Markt oder an der Frischetheke. Nicht vorrangig, weil ich die Qualität für besser halte, sondern weil ich mir viele Plastikverpackungen spare, wenn der Käse einfach in Papier gewickelt wird. Auch für Obst und Gemüse drücke ich den Marktleuten Papiertüten in die Hand, die schon benutzt sind.

 

An einer Tankstelle im Nirgendwo in Niedersachsen wollte ich mir im Urlaub Kaffee holen. Ich ging mit einem bereits benutzten Becher hin – und fragte mich, ob ich als neurotische Städterin wahrgenommen würde, wenn ich den füllen ließe. Aber meine Sorge war ganz unbegründet. „Toll“, sagte die Tankstellenfrau nur: „Das machen jetzt immer mehr Leute. Finde ich gut. Dadurch hat man nämlich viel weniger Müll.“

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