• Johanna Tüntsch

TAKE-AWAY OHNE VERPACKUNGSMÜLL




EINE APP REVOLUTIONIERT DAS MEHRWEGSYSTEM


In Bonn sind es 42.214, in Köln schon 253.928 und in Berlin 263.953: So viele Einwegverpackungen wurden in der jeweiligen Stadt bereits eingespart, seitdem das Unternehmen Vytal 2019 an den Start ging. Vytal steht für Take-Away-Verpackungen, die nicht nur mehrfach genutzt werden können, sondern durch ein weitreichendes Pfandsystem an einem besonders entscheidenden Punktsystem ansetzen: Echte Mehrwegsysteme müssen sich häufig drehen. Wenn Behälter nur wenige Male benutzt werden, sind die Vorteile robuster Mehrwegdosen gegenüber sehr leichten Einwegtellern aus Plastik überschaubar.

In der Take-Away-Gastronomie sind Einwegverpackungen noch immer die Regel. Das soll sich ändern: Das Verpackungsgesetz verpflichtet ab 2023 Caterer, Lieferdienste und Restaurants, neben Einwegboxen auch Mehrwegbehälter für Essen und Getränke zum Mitnehmen anzubieten. Schon jetzt sind, etwa im Bereich der Kaffeebecher, verschiedene Pfandsysteme im Kommen, doch die haben eine Schwachstelle: Wenn Nutzer auf die Pfandauszahlung verzichten und sich den Becher zum Beispiel zu Hause in den Schrank stellen oder ihn gar wegwerfen, ist nichts gewonnen.


„ENERGIE FÜR DINGE, DIE UNS WICHTIG SIND“


Genau an dieser Stelle setzt Vytal an und unterscheidet sich von anderen Mehrwegsystemen. Statt dass die Nutzer etwas für die Behälter oder Bestecke bezahlen, registrieren sie sich mit einer App. Per QR-Code wird erfasst, wo jeder Behälter sich befindet. Innerhalb von 14 Tagen kann ein Kunde sein benutztes Mehrweggeschirr bei einem der Vytal-Partner abgeben, ohne dass ihm weitere Kosten entstehen. Daran wird er zum Ablauf der Frist auch erinnert. Überzieht er den Zeitraum trotzdem, wird ihm eine Gebühr von zehn Euro abgebucht. Die Betreiber spekulieren aber nicht etwa auf Einnahmen über diese Gebühr, sondern hoffen, dass sie im Idealfall gar nicht anfällt: Vytal hat stattdessen Interesse daran, dass die Behälter möglichst rege zirkulieren, denn das Unternehmen finanziert sich durch Beiträge der Gastronomen je Nutzung einer Box, die unter dem Preis einer Einweg-Verpackung liegen. Durch die QR-Codes an jeder Box sind die Einsparungen nachvollziehbar: „Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2021 wurden schon 1,1 Millionen Einwegverpackungen eingespart“, so Tim Breker.

Breker ist einer der Vytal-Gründer. Mit ihm im Boot sitzen Fabian Barthel und Sven Witthöft. Das Trio kennt sich aus der Zusammenarbeit als Unternehmensberater der Boston Consulting Group. 2019 haben sie den Sprung in die Selbständigkeit gewagt und Vytal gegründet – mit einer hohen Motivation: „Wir sind alle auch Väter. Wir möchten unsere Energie einsetzen für Dinge, die wichtig sind, nicht nur für die Marge von Unternehmen“, so Sven Witthöft.


INGENIEUR SPEZIALISIERTE SICH AUF PIZZA-BOXEN


Ihre Zulieferer haben die Jungunternehmer mit Blick auf die Qualität des Materials und auf die Produktionsbedingungen ausgewählt. Die Schalen beziehen sie von einem niederländischen Anbieter, der sie unter anderem damit überzeugte, dass er mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung zusammenarbeitet. Die Bestecke werden im Odenwald produziert, die Pizza-Boxen kommen aus Herford, die Becher aus Tschechien. „Das ist einer unserer Vorteile: Wir können flexibel arbeiten und mit unterschiedlichen Herstellern zusammenarbeiten, um passende Produkte zu finden“, erklärt Dr. Tim Breker.

Einer der Zulieferer, der die Philosophie der Mehrweg-Anbieter teilt, ist Hendrik Single, CEO der Herforder SingleBow GmbH. Er hat den wiederverwendbaren Pizza-Karton erfunden – weil er aus eigener Erfahrung der Mengen an Einweg-Kartons überdrüssig war: „Ich bin auf ein Internat gegangen. Wenn dort das Essen nicht geschmeckt hat, haben wir Pizza bestellt. Das durften wir aber nicht, deswegen mussten wir hinterher die Kartons verstecken – und irgendwann war alles voll damit. Als ich durch die Stadt ging, fiel mir sogar auf, dass man in manchen Pizzaläden nicht mehr aus dem Fenster sehen kann, so viele Kartons stehen da.“ Als Ingenieur für Produktions- und Kunststofftechnik hatte er damit seine Aufgabe gefunden. Nun bietet er, unter anderem über Vytal, Pizza-Boxen an, die sich mehrfach verwenden lassen.


VYTAL IM NETZ


Wer gezielt sein Essen dort bestellen oder holen möchte, wo Gastronomen es in Vytal-Boxen zur Verfügung stellen, kann das tun: Die App „Vytal“ ist über den App-Store erhältlich. Auch auf seiner Website listet das Unternehmen auf, in welchen Städten die Behälter bereits im Einsatz sind – und auch, welche Lokale mitmachen.



Mehr Informationen unter www.vytal.org und www.pizzabow.com


Bildquelle: Vytal