• Johanna Tüntsch

ÄUßERST UNWEIHNACHTLICH: DER PREISKAMPF IM LEBENSMITTELMARKT



EIN KRITISCHER BLICK DARAUF, OB DAS INTERNATIONALE JAHR FÜR OBST UND GEMÜSE MEHR WERTSCHÄTZUNG ERWIRKT HAT.


„Mehr Wertschätzung für Obst und Gemüse“: Das war eines der Ziele, als die Vereinten Nationen 2021 zum Internationalen Jahr für Obst und Gemüse erklärt haben. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten dafür sensibilisiert werden, wie wichtig Obst und Gemüse für eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung sind. Zum Jahresende schauen wir nun noch einmal zurück.


Dass Vitamine die Abwehrkräfte stärken, ist lange bekannt, bekommt in diesen Tagen aber noch einmal besonderes Gewicht. Was kann man schließlich tun, angesichts einer beängstigenden Infektionskrankheit in allen Teilen der Erde? Man mag impfwillig sein oder nicht, zumindest in einem Punkt gehen die Meinungen nicht auseinander: Je besser das Immunsystem, desto stärker die Chancen, gesund aus dieser Pandemie hervorzugehen! Ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse ist dabei ein wichtiger Baustein.


Mit ihren vielfältigen Aromen sorgen frische Früchte dafür, dass gutes Essen nicht nur gesund, sondern auch lecker ist. Obst und Gemüse sollten uns deswegen etwas wert sein. Aber sind sie das auch? Die Preisschlacht, die täglich in den Annoncen ausgetragen wird, spricht nicht dafür. Angesichts der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage locken günstige Angebote fürs Festessen auch von Plakatwänden und Litfaßsäulen. Warum eigentlich? Weihnachten die Zeit ist, in der man anderen Gutes tut. Es wäre nur fair, in diesen Tagen zweimal nachzudenken, ob die Schale Pflaumen, der Beutel Orangen oder die Rispe Tomaten angesichts eines extrem günstigen Preises angemessen entlohnt werden kann. Sicher, es ist schön, wenn man die Haushaltskasse schonen kann. Aber um welchen Preis? Schon in der vergangene Saison litten Erzeuger in Exportländern darunter, dass sie ihre Waren viel zu günstig auf den Markt werfen mussten, um sie überhaupt loszuwerden.

PANDEMIE VERTEUERT ANBAU UND PRODUKTION ERHEBLICH


Corona hat nicht nur bei uns für wirtschaftliche Probleme gesorgt. Auch dort, wo ein Großteil dessen herkommt, was in unseren Obst- und Gemüseregalen liegt, leiden die Menschen an den Auswirkungen der Pandemie. Gerade im Obstbau, wo es um empfindliche Waren geht, lassen sich viele Abläufe nur von Hand und mit hohem Personalaufkommen umsetzen. In dem Bemühen, die weltweite Versorgung aufrecht zu halten und gleichzeitig Infektionsketten zu vermeiden, wurden in den Produktionsstätten aufwändige Schutzmaßnahmen eingeführt.


Nicht nur bei uns stöhnen Gastronomen und Ticket-Kontrolleure, wenn sie zusätzlich zu ihrer üblichen Arbeit auch noch 3G-Nachweise überprüfen müssen. Auch auf der Südhalbkugel bedeutet es ein zusätzliches Pensum an Arbeit, wenn Sicherheitsmaßnahmen geplant, umgesetzt und kontrolliert werden müssen. Zusätzlich fallen Materialkosten an, die es vorher nicht gab – etwa für Masken, Desinfektionsmittel und Handschuhe. Auch die Lieferketten gerieten durch die Pandemie, zudem durch das havarierte Schiff im Suez-Kanal, aus dem Takt. Die Folge: Verfügbare Container für den Transport wurden knapp – und die Logistik teurer. All das ruht auf den Schultern der Farmer und der Branchen, die sich an die Landwirtschaft anschließen.


Für Menschen ohne Ausbildung stellt in strukturschwachen Ländern der Anbau von Obst und Gemüse manchmal die einzige Chance dar, durch Arbeit sich selbst und ihre Familien zu ernähren. Wer hier in Deutschland einen Preiskampf betreibt, der trägt ihn auf dem Rücken dieser Menschen aus. Ein Preiskampf ist daher alles andere als weihnachtlich. Er ist unsolidarisch – und er wird dem nicht gerecht, was dieses Jahr besonders im Fokus stehen sollte: Obst und Gemüse. Sie gehören zum Besten, was der Speiseplan hergibt. Sie bringen Farbe, köstlichen Geschmack und wichtige Nährstoffe auf den Teller, sie halten uns fit und kurbeln durch ihre zahlreichen Einsatzmöglichkeiten auch noch die Fantasie an. Sie sollten uns einen fairen Preis wert sein, weil wir uns wert sein sollten, gut zu leben.